Es ist meine neue Droge: Das Theater. Für zwei wunderbare Stunden muss ich nicht über mich selbst nachdenken, über meine Probleme, Sorgen und Aufgaben. Ich kann eintauchen in die Probleme, Sorgen und Aufgaben von Menschen, die ich nicht kenne. Die noch nicht einmal real sind. Sie leben nur in diesen zwei Stunden. Sie bevölkern eine Bühne, verkörpert von Menschen, deren Beruf es ist, sie zu verkörpern. Das hat etwas sehr Beruhigendes, finde ich. Noch dazu wird mir im Schnelldurchlauf ein stück Literatur präsentiert, für dessen Lektüre ich möglicherweise gar keine Zeit gehabt hätte. Was wollen mein Germansitenherz und meine Seele mehr?
So durfte ich einmal mehr in eine mir fremde Welt eintauchen. In die melancholisch-russische Welt einer Familie in "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow. Mit Tschechow habe ich bisher nur das Bild verbunden, das ihn mit einer"Katze" zeigt, die für mich eindeutig wie ein Dackel aussieht:
Ich habe dieses Bild schon lange einmal irgendwo ausgeschnitten und aufbewahrt. Für mich steckt es voller Melancholie. Wie auch sein letztes Stück, das doch eigentlich eine Komödie hatte werden sollen. Steckt nicht aber in jeder Komödie ein Drama und in jedem Drama etwas Komisches?
Ich habe dieses Bild schon lange einmal irgendwo ausgeschnitten und aufbewahrt. Für mich steckt es voller Melancholie. Wie auch sein letztes Stück, das doch eigentlich eine Komödie hatte werden sollen. Steckt nicht aber in jeder Komödie ein Drama und in jedem Drama etwas Komisches? 
- Programmheft Vorderseite
Einst hat sie ein feudales Leben geführt: Gutsherrin Ljubow Ranjewskaja (so wunderbar ladylike und zerbrechlich: Ragna Pitoll). Doch dann starb ihr der Mann am Champagner und ihr kleiner Sohn ertrank im Pool. Ljubow Andrejewna Ranjewskaja flieht, verliebt und verliert sich, verliert dabei aber auch viel Geld und verschuldet ihr Gut mit dem heißgeliebten Kirschgarten. Nach fünf Jahren der Abwesenheit setzt das Stück am frühen Morgen ihrer Rückkehr ein. Mit dabei hat sie ihren kindlichen Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew (tapsig und doch voller Feingefühl: Reinhard Mahlberg), und ihre Tochter Anja (Dascha Trautwein). Auf die Rückkehr hat nicht nur Hausdiener Firs (ohne Worte wunderbar: Gabriela Badura)sehnlichst gewartet.
In der Zeit der Abwesenheit hat Pflegetochter Warja (die wunderbare Katharina Hauter) das Gut und den Haushalt versorgt. Aber auch das frech-nahezu-freizügige Stubenmädchen Dunjascha (sexy: Michaela Klamminger), der ewige Student Pjotr Sergejewitsch Trofimow (vom radikalen Nerd bis hin zum unerfahrenen Liebhaber: Sascha Tuxhorn), der abgebrannte Boris Borissowitsch Simeonow-Pischtschik (Jacques Malan) und Prokurist Semjon Pantelejewitsch Jepichodow ("Jeden Tag passiert mir ein Unglück!" Sven Prietz) haben aus verschiedenen Gründen auf die Rückkehrer gewartet. Wunderbar die abgewandelte Gouvernante, Charlotta Iwanowna, die hier von einem Mann verkörpert wird (Ralf Dittrich), Rolle und Akteur setzen ein Zeichen für die Akzeptanz von Homosexualität, sorgen aber auch für die nötige Melancholie im Stück. Denn das feierwütige Volk lebt, als hätte das süße Leben kein Ende. Dafür aber sorgt Jermolaj Alexejewitsch Lopachin, den ich schon im Original-Stück von Tschechow so gerne mochte - wen wundert es, dass er mir auch auf der Bühne in Gestalt von Klaus Rodewald gefällt? Lopachin versucht nahezu verzweifelt die Familie zur Vernunft zu bringen, aber man feiert sich lieber die Seele aus dem Leib, als gäbe es kein Morgen.

- Programmheft hinten
Und so leben sie alle einhellig an ihren Problemen vorbei, ignorieren, was gut für sie wäre, steuern vom Glück ins Unglück und umgekehrt und führen nur dem Zuschauer vor Augen, wie endlich alles ist.
Ein wunderbares Stück, ebenso wunderbar inszeniert, das mit ein wenig Melancholie im Herzen in den Maiabend entlässt.
Weitere Vorstellungen und Informationen: https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schauspiel/stueck_details.php?SID=1603




Alle anderen müssen nicht traurig sein. Hier gibt es immer mal wieder ein Gewinnspiel, unabhängig von der wunderbaren Verschenkaktion #BloggerschenkenLesefreude zum Welttag des Buches. 






Und es ist ein fesselnder Roman geworden, der den Leser mitnimmt in eine Zeit Europas, in der zwar die Städte und der Handel florierten, aber das Menschliche zu wünschen übrig ließ. In dieser Zeit wird die gerade 18-jährige "Nella" mit dem deutlich älteren Kaufmann Johanens Brandt verheiratet. Vom Land kommt sie in die Stadt und muss sich dort mit einer kalten und bissigen Schwägerin herumärgern. Wo eigentlich Nella die Hausherrin sein sollte, regiert Schwägerin Marin. Von der Ehe hat Nella zwar Vorstellungen, aber wie die ihrige verläuft kommt ihr seltsam vor. Denn Johannes verhält sich ihr gegenüber eher wie ein Freund, als ein Ehemann. Dann jedoch schenkt er Nella ein sündhaft-teures Puppenhaus. Sie beauftragt eine mysteriöse Miniaturistin mit der Ausstattung - doch was dann geschieht, damit hat Nella nicht gerechnet. Die zum Teil unverlangt an sie geschickten Möbel und Kleinteile zeigen Nella eine alles andere als rosige Zukunft an.
Der Roman hat mich einmal wieder eine Nacht gekostet, aber ich musste doch unbedingt wissen, was das Schicksal für Nella und die Ihrigen bereithielt (das, was die Miniaturistin bereits wusste!). Ein spannendes, ergreifendes Buch, dessen Thematik zwar nicht neu ist, aber wunderbar verpackt. Ich würde gerne noch mehr von der Miniaturistin lesen!